© Basler Zeitung; 23.11.2004; Seite 14
r-wirtschaft
Vielfältige Jungunternehmer
Wer macht sich selbstständig? Die baz wurde am Betriebsgründungsseminar fündig
TOBIAS BOSSARD· Rund 80 Leute haben sich am Betriebsgründungsseminar das Rüstzeug für die Selbstständigkeit geholt. Die baz stellt acht vor.
«Was wollen Sie verkaufen?», fragt Thomas Frei die 80 Teilnehmer am Betriebsgründungsseminar. Die Antworten - ein Produkt X, eine Dienstleistung Y - fallen so aus, wie es der Verkaufstrainer erwartet hat, nämlich falsch. «Die Menschen brauchen nicht ein Produkt, sondern nur den Nutzen des Produkts», bläut Frei den Anwesenden seine Verkaufsstrategie enthusiastisch ein. Den Gewinn aufzeigen, Bedürfnisse wecken und auf Probleme hinweisen, falls der Kunde nicht zugreift - Verkaufen muss eben gelernt sein. Doch nicht nur das Verkaufen. So ist Thomas Frei nur einer von über einem Dutzend Referenten, die den Jungunternehmern an zwei Samstagen erklären, wie man eine Firma gründet und auf was es ankommt von der rechtlichen Grundlage über Versicherungsfragen bis zum Marketing.
Die 80 Teilnehmer - acht von ihnen präsentieren unten ihr Projekt - schreiben im Betriebsgründungsseminar, das bereits zum 17. Mal von der Jungen Basler Wirtschaftskammer organisiert wurde, tüchtig mit.
Ernüchternde Zahlen. Ein solcher Kurs bietet aber längst keine Garantie für den Erfolg. So zählt Christine Amstutz von der Wirtschaftsförderung BaselArea am Ende des Seminars ein paar ernüchternde statistische Fakten auf: Das erste Geschäftsjahr überstehen 80% der Neugründer, das vierte nur noch 50%. Die Selbstständigerwerbenden arbeiten deutlich länger als Arbeitnehmer. Und 12% der Selbstständigen werden wegen des tiefen Einkommens den Working Poor zugerechnet. Immerhin dürfen sich die Seminarteilnehmer einer kleinen, zur Tat schreitenden Minderheit zurechnen: Gemäss OECD-Studie wollen sich zwar 65% der Schweizer am liebsten selbstständig machen, die tatsächliche Selbstständigenquote liegt in der Schweiz aber nur bei rund 14%.
Einziger Ausweg. Für viele Leute ist die Selbstständigkeit aber oft der einzige Weg, der Arbeitslosigkeit zu entrinnen. Und je mehr Arbeitslose es hat, um so höher ist beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) die Nachfrage nach Unterstützung zur Gründung eines Unternehmens, wie Hansjürg Dolder, Co-Leiter des Basler Amts für Wirtschaft und Arbeit, erklärt. So reichten in diesem Jahr bereits 154 Leute ein Gesuch beim RAV ein. Im ganzen Jahr 2003 waren es 120. Von diesen - wie beim Betriebsgründungsseminar sind es mehrheitlich Männer - macht sich dann am Ende gut die Hälfte auch wirklich selbstständig (2003: 70).
Das nächste Betriebsgründungsseminar der Jungen Basler Wirtschaftskammer (www.jbw.ch) findet im November 2005 statt (www.betriebsgruendung.ch). Bereits im März und im August organisiert die Wirtschaftsförderung einen neuen Workshop (www.baselarea.org). Die Wirtschaftsförderung beider Basel bietet Firmengründern zudem permanent Hilfe bei vielen Fragen und als Anlaufstelle.
Petra Huber (25)
Projekt: Vegaz Hip-Hop Collection, Kleiderladen, seit Juni 2004
Idee: «Wir wollen trendige amerikanische Mode nach Basel bringen, die cool und sportlich ist - so wie die US-Stars. Mein Mann und ich sind in der Hip-Hop-Szene und wissen genau, was die jungen Leute wollen.»
Motivation: «Mein Mann ist Nigerianer und hat darum kaum Chance auf einen Job. Nun hat er sein Hobby - Hip-Hop - zum Beruf gemacht. Was am meisten fasziniert, motiviert ja auch am meisten. Ich helfe ihm, sammle derzeit hauptberuflich aber noch Büroerfahrung bei einem anderen Job.» Güterstrasse 74, Basel
Antéo Diana (39)
Projekt: Funny Diving GmbH, Tauchschule in Ettingen, seit 2000
Idee: «Meine Firma organisiert Tauchkurse für Einzelpersonen, kleine Gruppen und Kinder - und das in mehreren Sprachen. Zudem bieten wir Tauchferien mit Kinderhütedienst an, wie auch Erste-Hilfe-Kurse mit dem Fokus auf dem Kind.»
MOTIVATION: «Seit 16 Jahren bin ich Tauchlehrer und habe die Schule als Hobby gegründet. Nun habe ich als Angestellter eines Bombardier-Zulieferers den Job verloren. Bis Mitte 2005 habe ich eine andere Stelle, danach widme ich mich zu 100% meiner Firma.» www.funnydiving.ch
Erwin Zbinden (43)
Projekt: Picturebâle AG, Basler Online-Bildarchiv, seit Anfang 2002
Idee: «Ich handle mit digitalen Fotos und bewahre diese im Internet auf. Mein Angebot richtet sich an Fotografen, Firmen oder Institutionen, denen ich Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Aufbewahrung von Fotos anbiete.»
Motivation: «Ich bin seit zehn Jahren freier Fotograf und denke, dies ist eine Marktlücke. Zudem suchte ich eine neue Herausforderung, bei der sich intensivere Kontakte zu Menschen ergeben. Und so konnte ich auch Programmieren lernen.» www.picturebale.ch
Salome Landert (25)
Projekt: LandertArt, Schwarz-Weiss-Porträts, Oberdorf, seit 1998
Idee: «Ich mache Schwarz-Weiss-Porträts von Kopf bis Fuss etwa für Andenken, Geschenke, Bewerbungen. Und das bis zur Postergrösse.»
Motivation: «Viele Leute denken, sie seien nicht fotogen und müssten einer Norm entsprechen, um auf einem Bild gut auszusehen. Ich will das Gegenteil beweisen, denn jeder Mensch hat seine eigenen, schönen Seiten. Mein Traum ist, ein eigenes Studio zu haben. Derzeit mache ich Porträtfotografie aber noch nebenher, da ich zu 100% als Drogistin arbeite.» Salome Landert, Oberdorf
Sammy Wohlgemut (18)
Projekt: prov. Name, Pratteln, Gründung für 2005 geplant
Idee: «Kerngeschäft wird der Direktimport von Neuwagen vor allem aus der EU - etwa Diesel-Modelle, die hier kaum erhältlich sind. So sind die Autos bis zu 33% günstiger. Zudem tritt am 1. Januar die neue Gruppenfreistellungsverordnung in Kraft. Damit ändert sich auch der Automarkt.»
Motivation: «Mich motiviert die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Ich wollte schon immer Geschäftsführer und Firmeninhaber werden. Derzeit bin ich im Wirtschaftsgymnasium...»
Stephan Holländer (49)
Projekt: Archivierung (noch kein Name), Basel, Gründung 2005
Idee: «Seit 1988 musste ich meine Diplomarbeit 18-mal neu formatieren, damit ich sie heute auf Word 2003 lesen kann! Wir wollen alte digitale Informationen retten und für das Internet-Zeitalter aufbereiten.»
Motivation: «Ich möchte nicht nur in Basel leben, sondern auch arbeiten. Ich war Stiudienleiter der Abteilung Information und Dokumentation der Fachhochschule Chur. Mein Stellvertreter Martin Gabathuler und ich haben aber gekündigt, da wir gemeinsam eine Firma gründen wollen.» hollaender@bluemail.ch
Carla Schubiger (28)
Projekt: Vierbeiner.ch, Online-Shop, Birsfelden, seit Nov. 2004
Idee: «Ich biete Dienstleistungen rund ums Tier an. Heute arbeiten viele Leute tagsüber und wollen am Abend ihre Freizeit geniessen. Deshalb liefere ich gratis Katzensand, Futter- und Tierpflegemittel sowie Tieraccessoirs nach Hause. Zudem berate ich die Kunden auch am Wochenende oder am Abend.»
Motivation: «70% aller Krankheiten können über richtige Ernährung verhindert werden. Den Online-Shop bereibe ich als - ausbaubares - Hobby, derzeit arbeite ich in einer Pharmafirma.» www.vierbeiner.ch
René Blattmann (33)
Projekt: Blattmann Eventcatering, Münchenstein, seit Juli 2004
Idee: «Wenn jemand etwas zu feiern hat, sollte er das geniessen können. Darum plane und realisiere ich zusammen mit Partnern geschäftliche und private Veranstaltungen.»
Motivation: «Nach der Hotelfachschule und Jobs in 5-Stern-Hotels war ich ein Jahr Geschäftsführer des Gamma Catering in Riehen und absolvierte eine Ausbildung in Event Management. Nun will ich unternehmerische Eigenverantwortung und unabhängig sein. Auftragszusagen haben mir den Schubs gegeben.» www.blattmannevents.ch